Was nicht mehr dient, darf gehen
Die Menopause als Umbau des Gehirns und des Lebens

3 Uhr nachts, ein Schlafzimmer in München. Eine Frau, 47, wacht schweißgebadet auf. Ihr Herz rast, eine Hitze steigt von innen auf. Sie liegt wach und denkt über Dinge nach, die sie seit Jahren mit sich trägt. Am nächsten Tag fällt ihr in einem Meeting ein Wort nicht ein, das sie schon tausendmal benutzt hat. Auf der Heimfahrt weint sie im Auto, ohne genau zu wissen, warum.
Und Monate später sagt sie einen Satz, den ich in meiner Arbeit sehr oft höre: „Ich mache das nicht mehr.“
Viele lesen diesen Satz als Erschöpfung. Die Neurowissenschaft legt eine andere Lesart nahe: Er könnte das sichtbare Ende eines Umbaus sein, der lange vorher im Gehirn begonnen hat.
Das Gehirn baut nicht nur auf, es räumt auch auf
Wir stellen uns Lernen gern als Wachstum vor: mehr Verbindungen, mehr Wissen, mehr Kapazität. Doch das Gehirn arbeitet genauso sehr durch Reduktion.
In der Pubertät nimmt die graue Substanz in vielen Hirnregionen ab. Das ist kein Abbau, sondern Reifung. Selten genutzte Synapsen werden entfernt, häufig genutzte Verbindungen werden gestärkt. Forschende nennen das synaptisches Pruning, ähnlich wie das Zurückschneiden eines Obstbaums. Das Prinzip dahinter lautet „use it or lose it“. Was nicht gebraucht wird, verschwindet. Was bleibt, wird effizienter.
Dasselbe Muster zeigt sich in der Schwangerschaft. Eine Studie in Nature Neuroscience fand bei Erstgebärenden eine Abnahme der grauen Substanz in Regionen, die an sozialer Kognition beteiligt sind. Diese Veränderungen hingen mit der Bindung zum Baby zusammen und waren noch zwei Jahre später nachweisbar (Hoekzema et al., 2017). Weniger Volumen, aber gezieltere Funktion.
Pubertät, Schwangerschaft, Menopause: Die Neurowissenschaftlerin Lisa Mosconi beschreibt alle drei als hormonell gesteuerte Umbauphasen des weiblichen Gehirns.
Was in der Perimenopause im Gehirn passiert
Östradiol ist nicht nur ein Fortpflanzungshormon. Im Gehirn wirkt es als Neurosteroid. Es beeinflusst, wie viele Verbindungen Nervenzellen im Hippocampus und im präfrontalen Kortex bilden, reguliert die Energieversorgung der Zellen und moduliert das Serotonin- und Dopaminsystem.
In der Perimenopause schwankt dieses Hormon oft jahrelang unregelmäßig, bevor es schließlich sinkt. Das Gehirn muss sich anpassen.
Mosconi und ihr Team untersuchten 161 Frauen mithilfe von Hirnscans. Struktur, Konnektivität und Energiestoffwechsel veränderten sich abhängig vom Menopausenstatus, nicht vom Alter. Nach der Menopause stabilisierten sich viele dieser Werte teilweise wieder (Scientific Reports, 2021). Die Forschenden deuten das als Zeichen von Anpassung: Das Gehirn findet ein neues Gleichgewicht.
Die Kognition folgt demselben Bogen. In der großen US-amerikanischen Kohortenstudie SWAN stagnierte die Lernleistung vieler Frauen während der Perimenopause und erholte sich danach wieder (Greendale et al., Neurology, 2009). Für die meisten Frauen ist der Nebel eine Phase, kein Endzustand.
Weniger Energie erzwingt Prioritäten
Das Gehirn verbraucht rund 20 % der Energie des Körpers. Östrogen hilft den Nervenzellen, Glukose zu nutzen. Sinkt es, steht dem Gehirn weniger Treibstoff zur Verfügung. Die Neurowissenschaftlerin Roberta Brinton beschreibt die Perimenopause deshalb als bioenergetischen Übergang, in dem das Gehirn auch auf alternative Energiequellen wie Ketone umstellt.
Ein System mit weniger Energie kann nicht mehr alles gleichzeitig betreiben. Es muss entscheiden, was es weiter versorgt.
Hier wird Biologie zur Lebensfrage. Viele Frauen merken, dass Dinge, die jahrelang irgendwie funktioniert haben, plötzlich nicht mehr gehen. Der Abendtermin nach einem vollgepackten Tag. Die Rolle derjenigen, die alles auffängt. Die Beziehung, die längst einseitig ist. Der Job, der nur noch Pflicht ist. Die Toleranz für Belangloses sinkt. Die Klarheit darüber, was zählt, steigt.
Das ist keine Charakterschwäche. Es passt zu einem Gehirn, das seine Ressourcen neu verteilt.
Umbau, nicht Zusammenbruch
Neuroplastizität hat keine eingebaute Richtung. Ein Gehirn im Übergang lernt hilfreiche Muster genauso schnell wie schädliche. Frauen, die diese Phase einfach durchziehen, ohne bewusst etwas zu verändern, riskieren, dass sich Erschöpfung, Rückzug und Selbstzweifel als neue Muster festsetzen. Das Risiko für depressive Symptome ist in der Perimenopause deutlich erhöht.
Wer sie dagegen als Umstrukturierung begreift, kann bewusst entscheiden, was gestärkt und was losgelassen werden soll.
Was das Gehirn in dieser Phase unterstützt, ist gut belegt und unspektakulär:
Schlaf, denn schon eine schlechte Nacht macht die Amygdala, das Alarmsystem des Gehirns, spürbar reaktiver.
Bewegung, besonders Ausdauertraining, denn es steigert BDNF, einen Wachstumsfaktor, der neue Verbindungen zwischen Nervenzellen unterstützt.
Neues Lernen, denn Verbindungen, die genutzt werden, bleiben.
Unterstützende Beziehungen und sinnvolle Arbeit, denn sie regulieren das Stresssystem.
Medizinische Begleitung, für manche Frauen auch eine Hormontherapie, individuell abgewogen mit der Ärztin oder dem Arzt.
Und vielleicht die unbequemste Maßnahme von allen: loslassen, was nicht mehr trägt. Das Gehirn zeigt uns, wie es geht.
Was das für Organisationen bedeutet
Viele Frauen gehen genau dann durch diesen Umbau, wenn sie die meiste Erfahrung, Verantwortung und Führung mitbringen. „Ich mache das nicht mehr“ kann in einer Kündigung enden. Es kann aber auch der Beginn einer Neuausrichtung sein, von der die Organisation profitiert: klarere Prioritäten, weniger Geduld mit ineffizienten Prozessen, mehr Fokus auf das, was wirklich zählt.
Welchen Weg es nimmt, entscheidet sich selten in einem Einzelgespräch. Es entscheidet sich in der Kultur. Solange es keine Sprache für diese Phase gibt, schweigen Frauen, Führungskräfte raten, und gute Leute gehen, ohne dass jemand den wahren Grund kennt.
Das zeigt sich an drei Stellen, die für jede Organisation zählen:
Produktivität. Schlechter Schlaf, Konzentrationsschwierigkeiten und Wortfindungsstörungen kosten Leistung, oft unbemerkt. Wer weiß, was in dieser Phase hilft, kann gezielt reagieren, statt Leistungsveränderungen falsch zu deuten.
Vertrauen. Als Google in „Project Aristotle“ untersuchte, was seine besten Teams ausmacht, stand ein Faktor ganz oben: psychologische Sicherheit. Das Vertrauen, offen sprechen zu können, ohne negative Konsequenzen zu fürchten. Hochleistungsteams entstehen dort, wo Menschen sagen dürfen, dass gerade etwas nicht funktioniert. Eine Frau, die ihre Perimenopause verbergen muss, steckt Energie ins Verstecken statt in ihre Arbeit. Ein Team, in dem darüber gesprochen werden kann, bekommt diese Energie zurück.
Loyalität. Wer sich in seiner anspruchsvollsten Phase gesehen fühlt, bleibt. Wer sich allein gelassen fühlt, geht und nimmt jahrzehntelange Erfahrung mit.
Genau hier setzt Cycle Positivity an. In unseren datenbasierten Kulturwandelprogrammen finden wir zunächst heraus, was die Frauen in deiner Organisation tatsächlich erleben und brauchen. Daraus entwickeln wir eine gemeinsame Sprache, mit der Mitarbeitende, Führungskräfte und Teams offen über Menstruationszyklus, Perimenopause und Menopause sprechen können. Und wir messen, was sich verändert: bei Produktivität, Vertrauen und Bindung.
Die Menopause ist kein Abbau. Sie ist ein Umbau. Und wie bei jedem Umbau entscheidet sich während der Bauphase, was am Ende steht.
Wenn du wissen möchtest, was die Frauen in deiner Organisation brauchen, um diesen Umbau mit ihrer ganzen Erfahrung und Expertise an Bord zu durchlaufen, schreib mir an alissia@cyclepositivity.com. Ich freue mich auf das Gespräch.
Quellen: Brinton et al. (2015), Nature Reviews Endocrinology · Edmondson (1999), Administrative Science Quarterly · Google re:Work (2015), Project Aristotle · Greendale et al. (2009), Neurology · Hoekzema et al. (2017), Nature Neuroscience · Mosconi et al. (2021), Scientific Reports





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